Gesichter...
Jedes Jahr auf’s neue fiebere ich im Frühling den warmen Tagen entgegen. Geht es doch nun von der schöpferischen Zeit in die aktive
Drehorgelsaison. Auch im vergangenen Winter habe ich wieder einige interessante Arrangements gemacht. Von den Familienmitgliedern
sind sie bereits mehrfach „begutachtet“ worden, hier und dort wurde ein Änderungs- oder Erweiterungsvorschlag gemacht, und nun brenne
ich darauf, sie zwischen den Häuserzeilen meiner Heimatstadt Berlin in der Öffentlichkeit zu spielen. Ja, ich freue mich darauf, wieder in die
Gesichter der Menschen sehen zu können. Es sind jedesmal erneute fremde Gesichter, aber es sind nur von wenigen Ausnahmen
abgesehen) jedesmal auch freundliche Gesichter, die dann aus dem Fenster auf mich blicken. Und es ist fast so, als würde ich dann zu
dieser Straße, diesem Hof dazugehören, als wäre ich nur eben mal kurz weg gewesen. Und nun freut man sich, daß ich wieder da bin. Ja,
und ich freue mich ebenfalls, wenn ich mein Hobby nun wieder im Freien betreiben kann. So ein bis zwei Stunden am Abend bei schönem
Wetter durch die Straßen meiner Heimatstadt spazieren zu gehen, die Stadtteile und die Häuser und gerade auch mal deren hintere
Fassade anzuschauen und dabei den dortigen Bewohnern nebenbei auch noch eine Freude machen – das macht auch mir Freude. Ja, und
dann die Gesichter, - die vielen unterschiedlichen Menschen und deren unterschiedliche Reaktionen. Warum macht dieser so ein
mürrisches Gesicht? Hat er heute nur negative Erlebnisse gehabt, oder womöglich bereits schon in der ganzen letzten Zeit? Ist er
zerknirscht und verbittert und vom Leben enttäuscht? - Warum versteckt sich jene Frau plötzlich so verängstigt hinter ihrer Balkonbrüstung,
als ich zu ihr hinauf lächele? Ist sie es nicht gewohnt, ja sogar erschrocken darüber, daß man gerade zu ihr ein freundliches Gesicht macht?
Aber es gibt ja doch noch in überwiegender Anzahl fröhliche Gesichter in unserer Stadt. Und das macht mich froh. Und ich freue mich, daß
ich oftmals auch ein Grund dafür bin. „Mensch Männeken, du bist ‘ne echte Alternative zu det Fernsehprogramm!!!“ sagte plötzlich eine
Stimme dicht vor mir auf dem Balkon im Erdgeschoß, vor dem ich mit dem Leierkasten stand. Ich hatte die Dame zunächst gar nicht
bemerkt. Aber nun reckte sie sich hinter ihren Geranien höher, um mich mit ihrem Blick ganz zu erfassen. „Man, det is aba ‘ne selt‘ne
Sache, son’ Leierkastenmann.... Hier war schon lange keener mehr:“ Vermutlich in Erinnerungen schwelgend schaute sie mir einen Moment
lang zu. Dann sagte sie mir: „Spiel man weiter, ick komm’ jleich wieda!“ Damit verschwand sie in der Balkontür hinter sich. Ich drehte den
Sportpalastwalzer weiter. Nach einer Weile kam sie wieder, schob ihren knubbeligen Arm durch die Geranien und reichte mir einen
Zwanzigmarkschein entgegen: „Hier, nimm man, aba dafür bleibste och mindestens zwanzig Minuten vor mein‘ Balkon!“ „Aber na klar,
mache ich doch!“ Ich blieb bald eine halbe Stunde vor ihrem Balkon stehen und kurbelte einige Rollen ab. Zwischendurch unterhielten wir
uns über vergangene Zeiten und die gegenwärtige Zeit, - über Arbeit und Arbeitslosigkeit,- über Leere und Freude im Leben. Es war
beinahe ein etwas philosophisches Gespräch mit dieser offenbar einfachen Frau, deren Horizont aber nicht nur bis zur Mattscheibe ihres
Fernsehers reichte. Und als ich weiterzog, hatte ich das Gefühl, hier doch ein bißchen ersehnte Abwechslung in ihren Alltag gebracht zu
haben.
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Da stehe ich auf dem frisch geschnittenen Rasen auf der (Balkon-)Rückseite der Häuserfront. Das Schild mit der Aufschrift „Bitte den Rasen
nicht betreten“ hatte ich frech ignoriert. Man wird es mir verzeihen, der Rasen wird keinen dauerhaften Schaden nehmen, auch die deutlich
sichtbar eingedrückte Räderspur des Drehorgelwagens wird bereits in ein paar Stunden nicht mehr vorhanden sein. Die ersten Töne der
„Caprifischer“ erklingen laut und sollen die Leute ans Fenster oder auf den Balkon locken. Der Text des von mir im Geiste mitgesummten
Liedes schmachtet bereits „...bleib' mir treu bis morgen früh....“ und beim Schluß „... vergiß mich nie...“ hat sich immer noch niemand blicken
lassen. Ist denn hier überhaupt niemand Zuhause? - Aber manchmal dauert es auch etwas länger, bis man mich bemerkt. Also weiter, noch
ein Lied - und in meinem Kopf plärrt die Conny Francis „Die Liebe ist ein seltsames Spiel..“ zu den entsprechenden Drehorgelklängen. Da; -
da schaut jemand zu mir herunter. Und dort noch jemand ..., plötzlich wird die eben noch starre Fassade lebendig. Die Leute begrüßen sich
gegenseitig. Ha, auch hier scheint man sich offensichtlich noch gegenseitig mit den Vornamen zu kennen. „Das ist ja wie früher,“ höre ich
die Leute sagen. „Als wir noch bei meinen Eltern wohnten...,“ begann eine Frau eine wohl längere Geschichte ihrer Nachbarin zu erzählen.
Aber darauf konnte ich nun nicht mehr achten. Ich muß immer aufpassen, wohin meine eingewickelten Geldpäckchen fallen. Und ganz
schlimm wird es, wenn uneingepackte Geldstücke in den Rasen fallen. Manchmal muß ich dann suchen, denn jeder möchte doch, daß
seine Gabe auch ankommt. Das ist dann oftmals recht zeitaufwendig obwohl ich doch viel lieber den Leuten meine Lieder vorspielen
möchte. Nach dem Ende des Liedes sammle ich die Päckchen auf. Bei jedem bedanke ich mich nochmals, gehe zum Leierkasten zurück
und lege die Gaben in den Hut auf der Orgel. Nach einem weiteren Lied als „Dankeschön“ wünsche ich den Leuten an den Fenstern und
auf den Balkons noch „einen schönen Abend weiterhin“ und setze mich langsam in Bewegung. Ich will ja weiter. „Ooch, noch ein Lied....“
höre ich oft noch bittend. Na gut, ... noch eines, - aber wirklich nur ein Letztes, denn ich will ja weiter.